CFC in the News 2006
BÖLL.THEMA — MAGAZINE OF THE HEINRICH BÖLL FOUNDATION

Kämpfen gegen Religiösem Fundamentalismus in den USA: Ein Interview mit Frances Kissling

 

Als Vorsitzende der US-amerikanischen Frauen-rechtsorganisation Catholics for a Free Choice (CFFC) sind Sie international eine der Wortführerinnen im Kampf gegen religiösen Fundamentalismus.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Am Anfang stand eigentlich meine Tätigkeit als Leiterin einer Abtreibungsklinik. Ende der Siebzigerjahre hat Catholics for a Free Choice mich dann gefragt, ob ich Interesse hätte, im Vorstand mitzuarbeiten. Als ich mich eingehender mit den Fragen von Katholizismus und Abtreibung beschäftigte, wurde mir bewusst, dass es dabei nicht in erster Linie um Föten ging; es ging um das Frauenbild der Kirche und darum, dass die Kirche sich sehr schwer tat, Frauen als moralische Akteurinnen zu akzeptieren, die in schwierigen Fragen der Ethik das Recht auf eine eigene Entscheidung haben. Nachdem ich zuerst ein eng umgrenztes Problem im Blick hatte, begann ich, Fragen der reproduktiven Gesundheit immer mehr im Zusammenhang mit der Unfähigkeit von Religion zu betrachten, die Personalität von Frauen anzuerkennen.

Ist es diese Unfähigkeit, die christlichen und islamischen Fundamentalismus verbindet?

Im Grunde gibt es in jeder Art von religiösem Fundamentalismus den Wunsch nach Kontrolle über Frauen. Der zweite verbindende Aspekt, der mir immer wieder Rätsel aufgibt, ist die Frage, warum Regierungen offensichtlich mehr Angst vor fundamentalistischen religiösen Entwicklungen haben als vor progressiven und warum sie darauf stärker reagieren. Der Staat ignoriert das progressive religiöse Denken weitgehend und handelt stattdessen in Übereinstimmung mit dem religiösen Fundamentalismus. Was mich interessiert, sind die politische Macht des Fundamentalismus und sein immenses Interesse an der Kontrolle über das Leben, über die Identität, die Rollen, die Sexualität von Frauen.

Heute wird religiöser Fundamentalismus fast ausschließlich mit dem Islamismus assoziiert – wieso?

In den USA leben wir in einem Klima, das immer noch vom 11. September geprägt ist und in dem die ganze Gesellschaft auf den Islam fokussiert ist. Zudem zeigt sich die fundamentalistische Ideologie in einem islamischen Kontext stärker in sichtbaren Symbolen und Zeichen: In Burkas gehüllte Frauen, Fatwas, Fernsehbilder von wütenden Demonstrationen – das macht es einfach.

Dazu kommt, dass wir Amerikaner uns als tolerantes, unkompliziertes Volk sehen und fundamentalistische Tendenzen in unserer eigenen Kultur häufig nicht zur Kenntnis nehmen. Dabei waren die ersten „Fundamentalisten“ konservative Protestanten in den Vereinigten Staaten, die durch die Absage an die Politik und den Rückzug ins Privatleben versucht haben, sich von der Gesellschaft abzutrennen. Dass sie später politisch wurden, hing sehr stark mit den Fragen der Sexualität von Frauen zusammen. Als die Frauenbewegung anfing, ihre Wirkung auf die Gesellschaft, auf den Gleichheitsbegriff in Ehe, Familie und Gesellschaft zu entfalten, haben sie erkannt, dass sie diesen weiblichen Vormarsch nur würden stoppen können, wenn sie in die Politik gehen.

Warum stehen immer Frauenrechte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Bedrohung religiöser Fundamentalisten?

Wenn man wie ich religiöse Feministin ist und die Religionsgeschichte im Blick hat und wenn diese Spannungen in der eigenen religiösen Tradition und in anderen, enorm positiven religiösen Traditionen auf der einen Seite und problematischen Traditionen auf der anderen Seite Teil des eigenen Lebens sind, dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass in den drei abrahamitischen Religionen – im Judentum, im Christentum und im Islam – die Frage der Frauen und der Sexualität von Frauen, die Tendenz zur Beherrschung der Frauen durch die Männer immer vorhanden war. Sehen Sie sich beispielsweise an, welche bildliche Vorstellung sich Männer aus religiöser Perspektive vom Recht machen: Gott ist ein Mann, und die Sexualität von Frauen löst große Angst aus, ebenso wie die Vorstellung, Männer wären womöglich nicht die dominierenden Repräsentanten Gottes – egal, ob in der Familie oder in der Kirche. Auf die Versuche, das Paradigma der Dominanz durch das der Gleichberechtigung zu ersetzen, folgte in der Moderne eine enorme Gegenreaktion, die bis heute andauert. Das bestimmende Gefühl hinter dem Fundamentalismus ist letztlich Angst: Angst vor Frauen und Angst vor den großen Veränderungen im zwanzigsten Jahrhundert.

Gilt das auch für Europa?

In Europa haben der christliche und katholische Fundamentalismus starken Zulauf, und natürlich gibt es dort auch ein Problem mit der wachsenden muslimischen Bevölkerung. So hat zum Beispiel die World Alliance for Youth eine Niederlassung in Europa gegründet und ist im Europaparlament aktiv. Diese Gruppe hatte sich in den USA ursprünglich als Initiative gegen die UN und gegen die Weltfrauenkonferenzen in Peking und Kairo formiert. In einer Reihe von Ländern in Mittel- und Osteuropa arbeiten fundamentalistische christliche Gruppen gegen reproduktive Gesundheit. Es gibt sehr aktive Gruppen in Litauen, die sich für die Abschaffung der Sexualerziehung an Schulen einsetzen. In der Slowakei bemühte man sich um ein Weigerungsrecht für katholische Ärzte, Krankenschwestern und Krankenhäuser gegen alle aus ihrer Sicht unmoralischen Eingriffe – das hat sogar zum Sturz der Regierung geführt.

Islamische Fundamentalisten in Frankreich und Deutschland konzentrieren sich darauf, junge Frauen zum Tragen des Kopftuchs zu bewegen, und haben dadurch Krisen im säkularen Schulsystem bewirkt. Während dieses Problem große Aufmerksamkeit erregt hat, werden viele Frauenrechtsprobleme, die in anderen Kontexten auftreten, nicht genügend beachtet – etwa die Zwangsverheiratung sehr junger Mädchen, die weibliche Genitalverstümmelung und die Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Die Frage, was eine legitime kulturelle Eigenheit und Glaubensäußerung und was eine Praktik ist, die die Menschenrechte von Frauen verletzt, muss stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den neuen Papst?

Mit Papst Benedikt haben wir eine Geschichte aus der Zeit vor seiner Papstwahl. In der Zeit, in der er für die Dogmatik zuständig war, haben sich viele Frauenanliegen in der Kirche zurückentwickelt. Dieser Mann hat maßgeblich an der Direktive mitgewirkt, nach der innerhalb der katholischen Kirche die Frage der Frauenordination nicht diskutiert werden sollte. Wer in einer Institution, in der die ganze Macht im Priesteramt konzentriert ist, Frauen dieses Amt verweigert, sagt damit aus, dass Frauen keine Macht haben können. Nach seiner Wahl zum Papst hat er sich zuerst mit jüdischen und islamischen Führern getroffen. Er hat sich mit jedem getroffen, aber Frauen waren nicht darunter, obwohl wir ihn darum gebeten hatten.

Es wird viel über die „Unheilige Allianz“ religiöser Fundamentalisten geschrieben, gerade im Zusammenhang mit der UN. 

Das ist in der Tat sehr beunruhigend. Interessant ist, wie einig sich fundamentalistische Christen – besonders die römisch-katholische Kirche – und einige, nicht alle, islamische Staaten im Umfeld der Weltfrauenkonferenz in Kairo Mitte der Neunzigerjahre waren. Bis dahin hatten diese Gruppen den UN-Konferenzen wenig Beachtung geschenkt. Der Grund ist, bis zu einem bestimmten Grad, derselbe, der auch für die Entstehung des Fundamentalismus in anderen Kontexten verantwortlich ist: Es ist eine Gegenreaktion. Als der Vatikan gesehen hat, dass die UN in ihren Aussagen über die Frage der Fortpflanzung und der Frauenrechte eine Anerkennung dieser Rechte erkennen ließ, musste er sich einschalten.

wobei die katholische Kirche gegenüber anderen Religionen im Vorteil ist.

Das ist richtig; sie hat einen Sonderstatus als einzige Religion, die als ständiger Beobachter zugelassen wird, obwohl sie kein Mitgliedsstaat ist. Damit genießt sie Rechte, die anderen NGOs verwehrt bleiben, und kann so für die Mobilisierung der Menschen sorgen. Das ist einigermaßen faszinierend, weil konservative Christen eigentlich immer für die Abschaffung der UN gewesen sind. Doch auf einmal marschieren sie zu den Vereinten Nationen, damit sie bei den – unter dem Gesichtspunkt der Frauenrechte ziemlich moderaten – UN-Dokumenten mitreden können. Sobald es um die Kontrolle über das Leben von Frauen ging, konnten diese Religionen plötzlich ihre historischen Differenzen hinter sich lassen, um gemeinsam zu verhindern, dass Rechte für Frauen auch nur ansatzweise anerkennt werden. Bei der Konferenz in Peking hat der Vatikan gegen die Vorstellung argumentiert, dass Frauenrechte Menschenrechte sind – eine Vorstellung, die für die meisten Menschen wirklich unstrittig ist.

Mit welchen Strategien sollte der Kampf gegen diese Unheilige Allianz geführt werden?

Für diejenigen von uns, die in den USA in einem religiösen feministischen Rahmen arbeiten, besteht sicherlich eines der größten Anliegen – wenn nicht gar das größte – darin, aufmerksam zu verfolgen, was die Bush-Administration tut. Wir müssen in den USA wie auch international sehr energisch darauf hinarbeiten, dass gläubige Frauen und säkulare Feministinnen sich verbünden. Dazu müssen wir uns bewusst machen, dass zwischen religiösem Fundamentalismus und politischem Fundamentalismus eine Verbindung besteht und dass beide Tendenzen Hand in Hand arbeiten. Es gibt eine unheilige Allianz zwischen dem Islam und dem Katholizismus, aber es gibt eine zweite, nicht minder unheilige Allianz zwischen konservativen Regierungen und religiösen Konservativen oder Fundamentalisten.

Wie können Frauen und zivilgesellschaftliche Organisationen konstruktiv damit umgehen?

Wir sollten nicht nur den UN-Kontext im Auge haben. Nehmen wir andere multilaterale Prozesse – zum Beispiel die EU. Organisierte Frauengruppen, die im Rahmen religiöser Traditionen arbeiten, brauchen eine Akkreditierung, sie müssen an den Meetings teilnehmen, müssen Stellungnahmen abgeben, an ihre Regierungen schreiben, Finanzierungsmöglichkeiten erschließen, sie müssen all das machen, was andere Frauen und Frauengruppen auch machen. Für den speziellen Gipfel zum Millenniums-Rückblick im September letzten Jahres haben wir eine Erklärung zusammengestellt, für die wir ein paar hundert religiöse Führer in allen Teilen der Welt angesprochen haben. Wir haben über das „Millennium Development Goal” (MDG), das Entwicklungsziel für die Gleichberechtigung im neuen Jahrtausend, und über das Verhältnis dieses MDG zu sexuellen und reproduktiven Rechten gesprochen, die nicht ausdrücklich genannt, aber angedeutet werden – ich bin sicher: allen ist klar, dass Geschlechtergleichberechtigung ohne reproduktive Rechte nicht zu haben ist. Dieses Ziel haben wir an unsere Regierungen weitergeleitet, an Gesundheitsministerien, an Parlamente – vor allem mit dem Ziel, der religiösen Stimme Gehör zu verschaffen. In allen Fragen, die die UN betreffen, können wir dem Amoklauf der Fundamentalisten nicht einfach tatenlos zuschauen.

Welches sind – neben den reproduktiven Rechten der Frauen – die progressiven Werte, die durch den religiösen Fundamentalismus bedroht sind? Und: Unternehmen wir genug, um diese Werte zu verteidigen?

Während meiner Arbeit in der UN und auf vielen Konferenzen habe ich erlebt, dass diese Gruppen nicht nur gegen reproduktive Gesundheit, sondern gegen alle fest etablierten Frauenrechte sind. In den islamischen Ländern gab es Forderungen, die UN-Dokumente so abzuändern, dass sie Ausnahmen auf der Grundlage der Scharia oder des islamischen Rechts zulassen. Das würde bedeuten: Verweigerung der elterlichen Rechte von Frauen, Todesurteile für Ehebruch, diskriminierende Gesetzgebung im Arbeits- und Erbrecht. Mit dem Hinweis darauf, die UN könnten keine „neuen“ Menschenrechte erklären, weigern sich fundamentalistische christliche Gruppen nach wie vor, Frauenrechte als Menschenrechte anzuerkennen. Sie setzen sich dafür ein, dass aus den Regeln des Internationalen Strafgerichtshof die Bestimmungen gestrichen werden, nach denen erzwungene Schwangerschaften ein Verbrechen sind, und ihre Einstellung zur Sicherheit von Sexarbeiterinnen bleibt nach wie vor weit hinter der Position progressiver feministischer Gruppen zurück.

Alle, die für die volle Gleichberechtigung von Frauen und für uneingeschränkte Frauenrechte eintreten, insbesondere religiöse Frauen, die diese Rechte befürworten, müssen die Spielräume und unseren Platz bei den UN und in unseren Ländern nutzen und dafür sorgen, dass Fundamentalisten sich nicht anmaßen, für alle gläubigen Frauen zu sprechen. 

Francis Kissling ist seit 1982 Vorsitzende der NGO „Catholics for a Free Choice“.Sie hat Parlamentarier und Entwicklungsfachleute u.a. in Brasilien, Mexiko, auf den Philippinen, in Deutschland, Irland, Großbritannien, Polen und den USA zu reproduktiver Gesundheit und reproduktiven Rechten, Religion und Öffentlicher Politik beraten und gehörte zu den prominenten Teilnehmerinnen der UN-Konferenzen über Bevölkerung und Entwicklung und der UN-Weltfrauenkonferenzen. Veröffentlichung: „Is There Life after Roe?“

This article courtesy of the Heinrich Böll Foundation.